Fonte:
http://fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/medien/?em_cnt=1243914
RIO DE JANEIRO. So einen wie Andrew Keen hat jeder Moderator gerne auf dem Podium. "Der Amateurskult - wie das Internet unsere Kultur zerstört", lautet der Titel des Buches, in dem Keen mit dem Internet abrechnet. Für ihn ist das Netz ein Ansammlung miserabler, unwichtiger, fehlerhafter Inhalte, eine Plattform für Schleichwerber, Verrückte oder Terroristen - ein "unendlich monotoner Wald der Mittelmäßigkeit", in dem sich Horden von "intellektuellen Kleptomaniacs" tummeln, oder "Narzissten, die mit pavianartiger Schamlosigkeit ihr Privatleben ausstellen". Also kein Medium, das Vertrauen verdient, findet Keen.
Solche Provokationen beleben natürlich eine Konferenz wie das "Internet Governance Forum", das die Vereinten Nationen jetzt in Rio de Janeiro ausrichteten. Aber kaum jemand teilt Keens Sicht der Dinge so radikal. Zu groß sind die Vorteile der ungeheuren Informationsschätze, der egalitären Zugriffsmöglichkeiten, der globalen Gestaltungs- und Handlungschancen, die das Netz bietet.
Aber die Ratschläge, die die Internet-Gemeinde der Radikal-Kritik Keens entgegensetzt, wirken andererseits etwas unbeholfen: Die Nutzer sollten die Schwächen des Mediums erkennen lernen, sie müssten quasi neu lesen lernen. Und wer richtig verlässliche Infos brauche, müsse - Internet hin oder her - dafür immer noch bezahlen: Für gute Zeitungen oder informative Fernsehprogramme.
Muss eine "Bill of Rights" her?
Muss das Internet reguliert werden, braucht es gar eine "Bill of Rights", wie die Parole eines der einschlägigen Foren auf der Konferenz lautet? Regulierung - das setzt man mit staatlich-autoritärem Eingriff gleich: Amnesty International listet die harschen Reaktionen vor allem asiatischer Staaten gegen Cyber-Dissidenten auf.
Die Internet-Industrie sieht eher die Gewerbefreiheit bedroht und verspricht Selbst-Regulierung. Aber "es fehlt immer noch ein Minimum an Einverständnis darüber, was Selbst-Regulierung ist und was sie leisten soll", sagt der österreichische Medienexperte Matthias Traimer.
Das Internet Governance Forum ist selbst auch noch nicht sehr weit gekommen. "Bill of Rights" - ein großes Wort für eine kleine Konferenz mit 1200 Teilnehmern, was sofort die Frage nach dem Mandat aufwirft. Und soll wirklich eine Art Grundrechtskatalog für das Internet entworfen werden?
Reicht es nicht, die UN-Menschenrechtserklärung herzunehmen und zu schauen, was davon übertragbar ist? Und muss man sich inhaltlich noch mal in die alten Sackgassen verrennen - stellt sich zum Beispiel die Frage, was Pornografie sei, fürs Internet anders als für die Presse?
Dass dringend etwas geschehen muss, zeigt die finsterste Seite des WWW: Kinderpornografie. In Großbritannien wurden 1988 gerade 43 Fälle von Kindesmissbrauch registriert, 2002 waren es 7200. Die Kriminalität wächst genauso explosionsartig wie das Netz, sagt der britische Experte John Carr.
Die Internet-Firmen blockierten endlich nach langem Zögern den Zugang zu Verbotenem, nun seien die Banken und Kreditkartenunternehmen am Zug. Pre-Paid-Karten müssten verboten werden: "Die Karten-Käufer zahlen bar im voraus, und wenn sie Kinderpornos bestellen, sind sie nicht dingfest zu machen!"
Paradies für Cyber-Pädophile?
In Brasilien tauchen jeden Monat rund 1000 neue Seiten mit pädophilem Inhalt auf, klagt Thiago Tavares, Chef von Safernet, eine von zwei Organisationen, die in Brasilien den Kampf gegen Kinderpornografie führen. Polizisten ohne Fachkenntnis, kein Geld für Hotlines oder Vorbeugung, uneinheitliche Rechtsprechung und Kompetenz-Wirrwarr - Lateinamerika könnte zum Paradies für Cyber-Pädophile werden.
Tschechien greife neuerdings schärfer durch, und deshalb seien "fast 100 Seiten von dort plötzlich nach Panama" gegangen. "Da gehen bei uns die Warnlampen an", sagt Tavares, "womöglich beherbergen wir eines Tages die Internetseiten, die in Europa unterdrückt werden."